Alle Artikel von Medienhektor

Schutz für Whistleblower

dog-whistle-280807_960_720Whistleblower haben einen schweren Stand: In der Öffentlichkeit haben Aufklärer wie Edward Snowden einen guten Ruf, aber rechtlich und beruflich ergeht es ihnen oft schlecht. Verlust des Arbeitsplatzes oder drohende langwierige rechtliche Auseinandersetzungen machen es nicht sehr attraktiv, gesellschaftlich relevante Interna auszuplaudern. Während stattliche Institutionen eine Informationspflicht haben und mit den neuen Informationsfreiheitsgesetzen der Bürger diese auch juristisch durchsetzen kann, sind Infos aus der Wirtschaftswelt immer noch nur schwer zu ergattern. Ohne Whistleblower wären viele Skandale unentdeckt geblieben.

Nun haben auch die Justizminister der deutschen Bundesländer das erkannt. Auf ihrer 87. Konferenz Anfang Juni in Nauen (Brandenburg) haben sie die Bundesregierung aufgerufen, das 2013 im Koalitionsvertrag genannte Thema noch in dieser Legislaturperiode aufzugreifen. Angesichts der gesellschaftlichen Bedeutung von frühzeitigen Hinweisen auf Missstände in Unternehmen, Behörden und Organisationen und im Hinblick auf internationale Vorgaben solle die Bundesregierung prüfen, „ob der Schutz von Hinweisgeberinnen und Hinweisgebern einer gesetzlichen Regelung bedarf“.

Der Aufruf der Justizminister geht auf eine gemeinsame Initiative von Brandenburg und Niedersachsen zurück. „Whistleblower leisten der Gesellschaft mit ihrem Engagement und Zivilcourage wichtige Dienste“, so zitiert die Fachzeitschrift Journalist Brandenburgs Justizminister Stefan Ludwig. Er freue sich daher über die Entscheidung der Länder, für einen besseren Schutz einzutreten. Aus Sicht von Brandenburg gibt es für Whistleblower wegen der derzeit fehlenden gesetzlichen Regelung keine Rechtssicherheit. Sie könnten nur im Nachhinein durch Arbeitsgerichte feststellen lassen, ob ihr Handeln rechtmäßig war.

Ähnlich äußert sich laut Journalist auch NRW-Justizminister Thomas Kutschaty: „Wenn Mitarbeiter ihren Job verlieren, weil sie im Unternehmen auf Straftaten hinweisen, läuft etwas schief im Land.“ Deutschland brauche „klare Regeln für Whistleblower, daher fordern wir die Bundesregierung auf, ein entsprechendes Gesetz auf den Weg zu bringen“, so Kutschaty.

Innerhalb der EU haben von den 28 Mitgliedsstaaten derzeit fünf eine gesetzliche Regelung, die Whistleblowern einen gewissen Schutz bietet: Großbritannien, Irland, Luxemburg, Rumänien und Slowenien. Die EU-Fraktion der Grünen/Freie Europäische Allianz hat vor diesem Hintergrund einen neuerlichen Vorstoß gemacht, eine EU-Richtlinie zum Schutz von Whistleblowern zu schaffen, wie der Journalist zu berichten weiß.

„Panama-Papers“ komplett im Netz

Bildschirmfoto 2016-05-10 um 19.02.24Einen guten Monat, nachdem die Süddeutsche Zeitung erstmals die „Panama Papers“ öffentlich gemacht hat, hat nun die internationale Rechercheorganisation ICIJ die Rohdaten zu hunderttausenden Briefkastenfirmen online gestellt. Die „Offshore Leaks Database“ ist eine interaktive Datenbank mit Informationen über Firmen, Treuhandfonds und Stiftungen in 21 Steueroasen. Persönliche Daten sind in dieser Datenbank nicht enthalten.

Das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) ist ein weltweites Netzwerk von über 190 investigativen Journalisten in mehr als 65 Ländern, die bei intensiven investigativen Recherchen kollaborieren. Sie werden dabei von Computerspezialisten, Juristen und Fact-Checkern unterstützt.

CLIQZ: Neue Suchmaschine will Suchmaschinen vermeiden

cliqz_browserEs gibt eine neue Suchmaschine. Diese Neuigkeit ist noch keine Sensation, denn es gibt tatsächlich neben und jenseits von Google noch Myriaden anderer search engines: Wissenschaftler haben an die 500.000 Suchinstrumente horizontaler, vertikaler, semantischer und anderer Art für das Internet gezählt.

CLIQZ ist anders. Erstmal ist CLIQZ ein Internetbrowser, der auf der open source-Entwicklung Firefox basiert und entsprechend flott rendert und arbeitet. In diesen Browser ist ein Suchalgorithmus integriert, und zwar so, dass man schon bei der Eingabe von Suchwörtern ins Adressfeld Ergebnisse angezeigt bekommt. Das machen zwar andere Suchmaschinen, allen voran Google, auch: Folgt man diesen autocomplete-Einträgen, landet man aber erstmal auf der Ergebnisseite der Suchmaschine. Bei CLIQZ werden dagegen direkt die Links zu den Ergebnisseiten unter dem Eingabefeld angezeigt, man spart sich also im Idealfall den Umweg über die Suchmaschinenseite. In vielen Fällen versucht CLIQZ, auch direkt Antwort zu geben, etwa wenn man nach „Wetter in Köln“ oder „Kinoprogramm in Berlin“ fragt. Semantische Suche wird so etwas genannt, weil die hinter CLIQZ steckende Suchmaschine versucht, die Frage „zu verstehen“. Die CLIQZ-Macher verfolgen einen Human-Web-Ansatz, d.h. die Antwortvorschläge basieren vor allem darauf, was andere CLIQZ-Nutzer für relevant halten. Continue reading

„Benennen, blossstellen, ins Gefängnis werfen“

Anas Aremeyaw Anas TED„Benennen, blossstellen, ins Gefängnis werfen“, das ist das Arbeits- und Lebensmotto des Ghanaischen Enthüllungsjournalisten Anas Aremeyaw Anas. Die Neue Züricher Zeitung nennt ihn den „James Bond des afrikanischen Journalismus“.

„Enthüllung“ ist bei Anas ein irreführendes Wort, denn er selbst tritt ausschließlich mit Kapuzenpullis und mit Perlenketten vor dem Gesicht in der Öffentlichkeit auf, um seine Identität zu schützen.

Zwei Jahre lang haben Anas und sein Team 180 Justizbeamte mit versteckter Kamera dabei gefilmt, wie sie sich bestechen liessen. Unter ihnen sind 34 Richter, 12 davon vom obersten ghanesischen Gerichtshof. Anas gab sich als Nahestehender von Angeklagten aus und bot Gegenleistungen für ein mildes Urteil an. Geldbeträge wechseltendie Hand, einmal auch eine Ziege. Continue reading

„Die Zeit“ feiert mit Rückblick Geburtstag

70jahre_zeitMit einer Sonderausgabe feiert die Wochenzeitung „DIe Zeit“ ihren 70. Geburtstag. Eine ganze Ausgabe lang erzählen alte und junge Mitarbeiter/innen des Hamburger Blatts Geschichten aus der Geschichte der traditionsreichen Wochenzeitung. Ex-Chefredakteur und Herausgeber Theo Sommer kommt ebenso zu Wort wie Jungredakteure, die Korrektorin oder die Fotoabteilung. Garniert werden die Feierlichkeiten von zahlreichen Veranstaltungen in Hamburg. Darüber hinaus hat „Die Zeit“ zusammen mit dem Wissenschaftszentrum Berlin und dem Umfrageinstitut eine Umfrage in 3000 deutschen Haushalten über die „Welt, in der wir leben wollen“ angestrengt. Viele Informationen rund um das Jubiläum gibt es auf der Website der Zeit-Verlagsgruppe.

Monoskop: Ein Wiki für Kunst und Kulturwissenschaft

Bildschirmfoto 2015-11-23 um 16.31.34Wikipedia als große Online-Enzyklopädie kennt jeder. Aber dennoch ist es nur die Sonderform eines Wikis. Ein Wiki (hawaiisch für „schnell“), seltener auch WikiWiki oder WikiWeb genannt, ist ein Hypertextsystem für Webseiten, deren Inhalte von den Benutzern nicht nur gelesen, sondern auch online direkt im Webbrowser geändert werden können. So ist es auf Wikipedia zu lesen. Als Recherche-Basis sind viele Formen von Wikis Gold wert.

Ein solches Wiki, das besonders wertvoll für Leute sein kann, die im Bereich Kunst und Kulturwissenschaft recherchieren, ist das Wiki Monoskop. Einträge aus diesen Themenfeldern werden auch nach Ländern, Städten oder Theorieansätzen aufgeschlüsselt. Die erste Fassung wurde bereits im Jahr 2006 in Prag vorgestellt. Ein Follow-up zu Monoskop ist die Website Remake, die sich mit Medienkunst in kollaborativen Umgebungen beschäftigt.

 

Spiegel Online recherchiert mit Smartphone

SpOn_mobil_2015In einem interessanten journalistischen Experiment sind 15 Reporterinnen und Reporter von Spiegel Online nur mit ihren Smartphones ausgerüstet losgezogen und haben sich am „Fluchtpunkt Deutschland“ umgesehen: Im Video-Newsblog berichten die Journalist/innen live von den Schauplätzen der sogenannten Flüchtlingskrise in Deutschland. Von Neuhaus am Inn, dem Grenzübergang nach Österreich, bis Kiel werden die Ergebnisse direkt gepostet. Flüchtlinge, die Fotos aus der Heimat zeigen, Sprachkurse mit sprechenden Tafelbildern, Demonstrationen eines „Bürgerbündnisses“, Helfer und Grenzbeamte werden gezeigt und interviewt. Von morgens um 7 bis zum letzten Posting um 21:57 Uhr können Leserinnen und Leser auf Spiegel Online einen Tag im „Willkommensland“ Deutschland quasi live miterleben.

Bellingcat: Investigativer Bürgerjournalismus

Recherche-Plattform Bellingcat
Recherche-Plattform Bellingcat

Die Recherche-Plattform „Bellingcat“ wurde in der vergangenen Woche mit dem Hanns Joachim Friedrichs-Preis ausgezeichnet. Bellingcat recherchiert keine eigenen Geschichten, sondern macht Factchecking. Angefangen hat der Gründer der Plattform, Eliot Higgins, als im Jahr 2012 immer mehr Videos aus dem syrischen Bürgerkrieg im Internet kursierten, deren Echtheit in Frage stand. Higgins nutzte im Internet verfügbare Quellen und Tools, um die Echtheit der Kriegsvideos zu verifizieren.

Im Jahr 2014 sammelte Higgins, der selbst nicht von Haus aus Journalist ist, über die Crowdfundingplattform Kickstarter Geld und gründete das Bellingcat-Netzwerk. Die Mitstreiter nennen sich selbst „citizen investigative journalists“, also investigative Bürgerjournalisten.

Bellingcat sorgte für Aufsehen, als sie die Umstände des Absturzes des Flugs MH17 über der Ostukraine recherchierten. Die Factchecker glaubten, im Netz Belege dafür gefunden zu haben, dass ein Buk-Raketensystem einen Tag vor dem Absturz von Russland aus durch die von Rebellen kontrollierten Gebiete gefahren sei; am Tag nach dem Absturz sei das gleiche Fahrzeug wiederum mit einer fehlenden Rakete zurück nach Russland gefahren. Die von Bellingcat genutzten Bildanalysemethoden wurden allerdings auch kritisiert, in Deutschland etwa vom Medienjournalisten Stefan Niggemeier.

Bellingcat nutzt für seine Bildanalysen unter anderem das webbasierte Programm „FotoForensics“.

Investigativ-Chef wechselt in Banken-PR

logo_die_weltDer Leiter der Investigativ-Redaktion der Tageszeitung Die Welt, Jörg Eigendorf, wechselt zum April 2016 die Lager und soll neuer Konzernsprecher der Deutschen Bank werden. Eigendorf hat selbst bereits lange in Frankfurt/Main als Wirtschaftsjournalist gearbeitet, ist also mit den Gegebenheiten im Frankfurter Bankenviertel bestens vertraut. Für die Tageszeitung Die Welt ist das ein herber Verlust, da unter Eigendorf die hauseigene Investigativ-Abteilung deutlich an Format gewonnen hat. Wechsel vom Journalismus in die Public Relations oder Unternehmenskommunikation werden in der Branche stets argwöhnisch beäugt, weil das Diktum verbreitet ist: „Journalisten machen keine PR“. Angesichts des neuen Arbeitgebers Deutsche Bank darf davon ausgegangen werden, dass mit der neuen Positionen erhebliche Gehaltsvorteile im Spiel sind.