Kategorie-Archiv: Investigativ

Wie oft lügt der Präsident?

Der US-amerikanische Präsident, Donald Trump, wirft der Presse recht pauschal vor, „fake news“ zu verbreiten. Aber wie hält er selbst es mit der Wahrheit? Dem sind Reporter der New York Times auf den Grund gegangen. Und das mit einem beeindruckenden datenjournalistischen Projekt. Sie haben vom Tag seines Amtsantritts an jede Aussage des Präsidenten einem Fact-Checking unterzogen und sind zu einem frappanten Ergebnis gekommen: Es ist nahezu kein Tag in der Regierungszeit des Donald Trump vergangen, in der er nicht eine unwahre Äußerung getan hat. Die NYT-Reporter haben diesen Umstand auch visualisiert und in einer Kalenderübersicht dargestellt:

Wie die Grafik anschaulich zeigt, gibt es auch Perioden relativer Wahrheitstreue wie zum Beispiel Mitte Mai 2017. Die Journalisten erklären das damit, dass Trump in dieser Zeit mit den Reisevorbereitungen für seine Mittlere-Osten-Reise beschäftigt war und sich einfach insgesamt wenig öffentlich geäußert hat.

Suchmaschine für das Internet der Dinge

schodanIm Internet kann man nicht mehr länger nur nach Schlüsselwörtern suchen, sondern auch nach Dingen. Die Suchmaschine schodan.io hilft dabei, Gegenstände wie Webcams, Drucker, Kühlschränke, Heizungsregler und andere Smart-Home-Geräte aufzuspüren. Aber nicht nur das: Auch  industrielle Kontrollsysteme, zum Beispiel von Klär- oder Kraftwerken, kann Schodan recherchieren helfen.

Shodan liefert über diese vernetzten Geräte Basis-Informationen, etwa die IP-Adresse, über die ein Gerät vom Internet aus erreichbar ist. Über eine solche IP-Adresse kann man beispielsweise die Geräte ansteuern, wenn sie nicht sind mit einem Passwort vor fremden Zugriffen geschützt sind.

Ein Rechercheteam der Süddeutschen Zeitung hat in monatelanger Spürhund-Arbeit mit der Dinge-Suchmaschine Schodan vernetzte Geräte gesucht. Die ReporterInnen haben

in wildfremde Wohnzimmer und Arbeitsräume blicken können und privateste Daten von Personalausweisen bis zu Passwörtern für Online-Konten gefunden – weil die Zugänge nicht einmal mit simplen Passwörtern geschützt waren.

Die SZ-ReporterInnen haben auch zusammen mit einer Münchener Sicherheitsfirma ein digitales Werkzeug entwickelt, mit dem man die Sicherheit der eigenen vernetzten Gegenstände testen kann. Wichtigster Sicherheitstipp ist und bleibt aber, vernetzten Geräten im Internet der Dinge ein Passwort zu geben — und im Fall, dass werkseitig ein Passwort vorgegeben war, dieses unbedingt zu ändern.

Starke ARD-Recherche: Vertuschter Pharma-Skandal

Ein starkes Stück Fernsehen und eine starke Recherche: In der ARD-Doku-Reihe Die Story lief am vorvergangenen Abend der Film „Der vertuschte Skandal – Ein Pharmakonzern und sein Hormonpräparat“ von Christian Stücken:

Viele Kinder kommen in den 60er- und 70er-Jahren mit Missbildungen auf die Welt: Hirnschäden, Herzfehler, verkümmerte Gliedmaßen. Sie haben alles eines gemeinsam. Ihre Mütter haben von ihrem Hausarzt das Mittel Duogynon als Schwangerschaftstest bekommen.

Eigentlich ist Duogynon von der Firma Schering in den 60er- und 70er-Jahren ein Hormonpräparat, das bei Menstruationsbeschwerden eingesetzt wird. Frauenärzte verabreichen es gern als Schwangerschaftstest. Lösen die eingenommenen Hormone keine Blutungen aus, weiß die Frau, dass sie schwanger ist. Was die zugeführten Hormone bei den Kindern im Bauch der Mutter anrichten – daran denkt niemand. Unterm Ladentisch wird Duogynon als Mittel zum Schwangerschaftsabbruch gehandelt.

Der Film deutet die Rechercheschwierigkeiten nur an, die ihm selbst wohl im Wege standen. Wenn man aber nebenbei erfährt, dass eine BBC-Dokumentation zum gleichen Thema aus den 1970er-Jahren bis heute im „Giftschrank“ des Senders liegt und nie ausgestrahlt wurde, ahnt man, wieviele ARD-Justiziare diese „Story“ abgesegnet haben werden, bevor sie auf Sendung ging. Dass außerdem auch die Bildgestaltung bei diesem schwierigen und durchaus nicht bilderreichen Thema überaus gelungen und kreativ war, zeichnet diesen Film nur noch weiter aus.

Nur eines hat der Film nicht zu bieten: Eine Lösung. Aber dazu ist guter Journalismus auch nicht immer da. Er hat die Recherche geleistet, die Folgearbeiten müssen jetzt andere machen.

ARD: Whistleblower – Die Einsamkeit der Mutigen

In der ARD-Reihe Die Story war am späten Montag Abend eine Dokumentation über Whistleblower zu sehen. Anhand von drei realen Geschichten zeigt der Film, wie Menschen, die für die Gesellschaft relevante Informationen öffentlich machen, von Arbeitgebern, Politik und Justiz behandelt werden — nämlich schlecht.

Der Polizist Swen Ennulat aus Sachsen-Anhalt wollte sich nicht damit abfinden , dass seine Vorgesetzten die Ermittlungen gegen rechte Gewalttaten ausbremsten. Antoine Deltour machte die Beteiligung der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) an der immensen Steuervermeidung von Konzernen in Luxemburg öffentlich. Und die Tierärztin Margrit Herbst wurde gekündigt und lebt seitdem von Sozialhilfe, weil sie die ersten BSE-Fälle in Deutschland öffentlich gemacht hat.

Der Film verweist auch auf die Notwendigkeit eines besseren gesetzlichen Schutzes von Whistleblowern, der aber von der Regierungskoalition ausgebremst worden ist.

ARD Die Story: Whistleblower

 

ZDF: Sparkassen-Recherche

ZDF_Frontal21Gutes Beispiel für eine intensive Recherche: Viele Sparkassen und demnächst auch die Postbank erheben auf einmal Gebühren für Leistungen, die jahrelang kostenlos waren. Begründet wird dies mit der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Die Recherchen des ZDF-Politmagazins Frontal 21 ergeben aber ein völlig anderes Bild: Auch und gerade in Zeiten niedriger Zinsen haben die Sparkassen hierzulande satte Profite gerade mit dem Zinsgeschäft gemacht. Seit der Finanzkrise 2008 sind diese Profite sogar noch stark gestiegen. Was allerdings auch steigt: Die Gehälter und Boni der Sparkassen-Vorstände. Doch damit sollen die Gebührenerhöhungen selbstverständlich nichts zu tun haben …

Ein kleines Lehrstück darüber, dass die spannendsten Recherchestücke häufig im Wirtschaftsjournalismus zu finden sind. Der Beitrag ist in der ZDF-Mediathek zu sehen:

Frontal21: Gierige Sparkassen

Guter Service: Das ZDF stellt auch das Manuskript zu dem Beitrag online:

Manuskript: Gierige Sparkassen

„Benennen, blossstellen, ins Gefängnis werfen“

Anas Aremeyaw Anas TED„Benennen, blossstellen, ins Gefängnis werfen“, das ist das Arbeits- und Lebensmotto des Ghanaischen Enthüllungsjournalisten Anas Aremeyaw Anas. Die Neue Züricher Zeitung nennt ihn den „James Bond des afrikanischen Journalismus“.

„Enthüllung“ ist bei Anas ein irreführendes Wort, denn er selbst tritt ausschließlich mit Kapuzenpullis und mit Perlenketten vor dem Gesicht in der Öffentlichkeit auf, um seine Identität zu schützen.

Zwei Jahre lang haben Anas und sein Team 180 Justizbeamte mit versteckter Kamera dabei gefilmt, wie sie sich bestechen liessen. Unter ihnen sind 34 Richter, 12 davon vom obersten ghanesischen Gerichtshof. Anas gab sich als Nahestehender von Angeklagten aus und bot Gegenleistungen für ein mildes Urteil an. Geldbeträge wechseltendie Hand, einmal auch eine Ziege. Continue reading