Recherche-Desaster mit Schoko-Diät

Foto: Hiero/pixelio.de
Foto: Hiero/pixelio.de

Ein Medien-Experiment zweier arte-JournalistInnen führt vor allem die Boulevardpresse vor, und das nicht nur hierzulande. Mit großem Aufwand fälschten sie eine wissenschaftliche Studie, derzufolge Schokolade gar kein Dickmacher sei, sondern im Gegenteil bei Diäten helfe und den sogenannten Jojo-Effekt verhindere. Die taz beschreibt das Vorgehen:

Dahinter stecken die Journalisten Diana Löbl und Peter Onneken. Sie haben sich die Story ausgedacht, spielten selbst in weißen Kitteln Ernährungsforscher, bauten eine mies gemachte Institutswebseite. Mit 15 Probanden führten sie die vermeintliche Studie durch. Ein völlig sinnfreies Design. Ihr Ziel: Ergebnisse. Egal wie. Ihre Frage: Schaffen es die Ergebnisse dennoch in die Medien?

Ja, sie schafften es. Ungeprüft. Nicht nur Bild und Fokus berichteten unkritisch über die angebliche Wunderdiät. Auch ausländische Medien griffen die erfundene Geschichte auf. Kritische Recherche oder Factchecking fand nicht statt. Das deckt sich mit kommunikationswissenschaftlichen Studien an der Uni Leipzig, wie wieder die taz zitiert:

Laut Studie (diesmal wissenschaftlich haltbar) der Uni Leipzig wurden in knapp zehn Prozent aller Artikel im Lokalteil der untersuchten Tageszeitungen Pressemitteilungen schlicht nachgedruckt.

Und dieser Prozentsatz scheint noch gering: Nach Barbara Bayerns‘ klassischer Studie aus den 1980er-Jahren sind sogar bis zu 60% der Inhalte von Zeitungen von der PR übernommen.

Die Bildzeitung hat online den Artikel mittlerweile korrigiert und sich für den Fehler entschuldigt. Die reisserische Überschrift lässt man gleichwohl dennoch im Netz, schließlich reicht sie schon, um Klicks und damit Anzeigenerlöse zu generieren:

Screenshot: Bild.de
Screenshot: Bild.de

Zur Verteidigung der arg arglosen JournalistInnen, die hier die Recherche sträflich vernachlässigt haben, muss man vielleicht anfügen, dass die Wissenschaftsfälschung schon ziemlich gut und professionell gemacht war: Mit Testimonials in mehreren Weltsprachen, eigenem Werbesong und professionellem Web-Ambiente. Und soweit hergeholt ist die Schokodiät-Lüge dann doch nicht: Vor einigen Jahren berichteten die Boulevardzeitung allen Ernstes über die angeblich erfolgreiche Schokodiät der Schauspielerin Ruth Moschner. Auf diese Weise kann ein solches Medien-Experiment auch zur „selffullfilling prophecy“ werden.

arte strahlt die Dokumentation am Freitag, den 5.Juni 2015, um 22:25 Uhr aus.

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